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The Karpatenhund Edutainment Road Show: Schultour April&Mai 2007 *** TAG 1

29 April 2007 No Comment

19.04.2007 Gelsenkirchen, Gerhard Hauptmann Realschule & Kerken, Privatkonzert
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Donnerstag um 6 Uhr früh beginnt unser Abenteuer, das der Kool Ade Acid Test, die Magical History Tour und die Rolling Thunder Revue zugleich, nur eben von Karpatenhund werden soll. Ein bizarrer Selbstversuch, bei dem die junge Band, also wir, in der Tradition von Acts wie US5 oder LuCry in Schulen während der großen Pausen ein Konzert gibt.

Unsere erste Station ist also Gelsenkirchen. Die Schüler haben hier ein eigenes Radio, eine Schülerzeitung und wirken nicht so gammelig-stumpf wie wir selber in unserer Erinnerung (andererseits war das Höchste der Gefühle während unserer Schulzeit in Sachen Schulbesuch maximal jemand von der AOK, der dann einen Apfel aufschneidet und über gesunde Ernährung spricht). Der Saal, in dem wir auftreten sieht eigentlich exakt so aus wie die Räumlichkeiten, in denen Johnny Cash seine Gefängniskonzerte gegeben hat, leider werden die Tische dann umarrangiert und die St. Quentin-Atmosphäre weicht einem heimeligen Schulaula-Ambiente. Für uns stehen Brötchen und Kaffee bereit, aber wir kriegen kaum etwas runter, unsere Mägen spielen verrückt, weil wir das Aufstehen um 5 nicht gut vertragen haben. Dann Auftritt Herr Fox. Wir werden von dem eleganten Lehrer angesagt und laufen schüchtern auf die riesige Bühne, in dem großen Raum mit seiner hohen Decke klingt die Mischung verschiedener Begrüßungsschreie wie der Soundtrack zu einem abgefahrenen Film aus den 80ern, in dem die Zukunft dargestellt wird, wie man sie sich vorstellte als man von Zukunft noch keine Ahnung hatte, also so quasi: rrrraaaaaa rrrraaaaaa sssssssss iiiiiiiiii haaaaaaraaaaaa buuuuuh eeeeeeee rrrraaaaaa!!! Wir spielen sechs Stücke, haben schließlich nur 20 Minuten Zeit. Während der ersten beiden Stücke sind alle noch ein wenig reserviert und im hinteren Teil der Halle wälzen sich Schüler rein und raus, dann kippt es langsam um und wächst sich zu einer Feier aus, die näher an Hardcore und Punkrock dran ist als alles, was wir je zuvor erlebt haben. Auf unser Geheiß entern Schüler die Bühne und fallen in einer außergewöhnlich friedlichen Form von Chaos über uns her. Es erinnert an Lemminge. Wir können uns gegenseitig nicht mehr sehen als wir unser letztes Stück spielen geschweige denn hören, weil alles voller enthemmter Schüler ist. Das finden wir großartig, klatschen mit den Leuten ab als wären wir auf dem Guns N Roses-Konzert und versuchen dann unsere Instrumente zu retten und aus den Menschenbergen herauszuziehen.
Der Pausengong kann die Trance zumindest ein wenig aufbrechen, es lichtet sich wieder ein wenig und wir werden aufgefordert, Autogramme auf alles zu schreiben, was sich finden lässt. Als unsere dafür vorgesehenen Postkarten alle sind, bekommen wir Unterarme, Rucksäcke, Federmäppchen und Blöcke hingestreckt, auch T-Shirts. Ein Mädchen (ca. 6. Klasse) zum anderen: lässt du sie auch auf deinem Hemd unterschreiben? die andere: nein, ich glaube, dann kriege ich Ärger von meiner Mutter. Weitere Details: ein renitenter Schüler entert die Bühne und fasst zwanghaft immer wieder in Björns Haare und hört interessanterweise erst damit auf, als Björn in des Knaben Haare fasst. Ein Mädchen trägt den Mitschülerinnen auf, zu bezeugen, daß sie vor Aufregung Durchfall habe und daher nicht in Mathe erscheinen werde. Die eine Freundin: Bist du bescheuert? Ich bezeuge doch nicht, daß du Durchfall hast!
Wir sitzen noch ein wenig mit Schülerrradio, -zeitung und Schülern, die selber Bands haben, zusammen. Eine heißt Teenage Models, nennt sich aber nur The TAMS – sie wollen vorsorgen, weil sie nicht ewig Teenager sein werden und verhindern daß der Name seine Gültigkeit verliert. Eine weitere heißt Black Diamond (nach dem Song von KISS).
Dann fahren wir wieder weg, sehr gut gelaunt. 30 km vor Köln geht das ‘Bitte Folgen’-Licht des Motocops an. Wir müssen mit ihm zur Waage fahren. Der Typ ist total unheimlich, er hat eine Sonnenbrille, in der auf einer Seite ein dunkles Glas, auf der anderen GAR KEINES ist. Zusammen mit der Mecki plus Matte-Frisur, dem fetten Motorrad und allem wirkt der total unseriös.
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Wir haben Angst, daß es ein Vigilant ist, so wie in dem einen Dirty Harry-Film, wo Clint Eastwood einer Truppe Polizisten in eigenen Reihen gegenübersteht, die es selbst in die Hand nimmt, Verbrecher zu erledigen, die durch die Maschen der Justiz geschlüpft sind. Daß Polizisten Autobusse (besonders Mercedes Sprinter) HASSEN, wissen wir schon lang. Neulich erst gerieten wir auf dem Weg zum Intro Intim in Mannheim in eine Kontrolle, bei der Niklas durch die Urinprobe nicht nachgewiesen werden konnte, daß er Drogen genommen hat, weil die Beamten aber überzeugt waren, daß junge Leute in einem Sprinter zwangsläufig was mit Hasch zu tun haben, musste der Arzt zur Blutentnahmen gerufen werden. Zwei Stunden blöd rumgehockt für nix, aber dabei hat der eine rumkumpelnde Beamte uns gesteckt, daß die meisten Ausländer, die in Sprintern fahren, gestohlene Handys haben, die sie wohl auf “Flohmärkten” erstehen. Jedenfalls: heute haben wir Pech und sind tatsächlich 700 kg überladen, das sind um und bei 20%, eigentlich dürfen wir nicht weiterfahren, der Beamte mit der irren Brille fährt davon und wir bekommen den Tip, über Land zu fahren, um in keine weitere Kontrolle zu geraten, denn “eigentlich ist Ihre Fahrt hier zu Ende”. Wir müssen einen Anhänger mieten, haben aber keine Anhängerkupplung, daher müssen wir auch einen neuen Bus mieten. Die nächsten Stunden werden anstrengend und zugleich langweilig, daher überspringen wir sie und skippen direkt nach Kerken.
Wir haben Wohzimmerkonzerte mit uns selber verlost: Karpatenhund kommen zu den Leuten nach Hause wie die Beastie Boys in ‘Fight For Your Right To Party’. Heute sind wir zu Gast in Kerken, das ist die nördliche Niederrheingegend, ganz nahe an Holland. Wir spielen in einer Hofeinfahrt im Wohngebiet, hinter uns die Fahrräder, vor uns ein Freundeskreis, der ähnlich entfesselt wie die Schüler feiert. Extra für uns wurde ein Anfeuerungstanz erfunden, der bei fast jedem Lied vorgeführt und sogar erweitert wird, ein lässiger Großvater filmt alles mit einer Digitalkamera mit (Benni wird etwas ängstlich bei dem Gedanken daran, daß jetzt die Zeit der coolen Opis kommt, die beim Rockkonzert entspannt dabei stehen. Er ist mehr der Typ für traditionsreiches Großvatertum mit Storytelling und Werthers Echte). Das Konzert macht viel Spaß. Wir überlegen, ob sich wohl ein Überleben sichern ließe, wenn man ausschließlich morgens in Schulen und abends bei Leuten zuhause auftritt.
Dann wird raumtemperiertes Kölsch getrunken, Pizza vom Bringdienst bestellt und wir laden wieder ein. Währenddessen verleihen unsere Gastgeber ihrer Freude Ausdruck, indem sie u.a. mit einem Diktiergerät den kompletten Prozeß mitschneiden und kommentieren, ab und an gemeinschaftlich etwas rufen wie z.B. ‘Karpatenhund sind der WAAAAHNSINN!’. Wir fragen: ist da überhaupt eine Kassette drin? Sie dann: na klar, wir nehmen das alles auf! Wir dann: aber warum? Sie dann: na – das hören wir uns dann an!
So endet der anstrengendste Konzerttag, den diese Band je hatte und der möglicherweise auch in der Top 3 ihrer allerbesten Konzerttage auftauchen wird.
Ein weiterer Dialog mit den Freunden aus Kerken (und Straelen, die zwei besten Dörfer der Welt, wie sie selber sagen), als wir uns beim Konzert alle namentlich vorstellen und die Gastgeber bitten, dasselbe zu tun und Benni (in dessen Haus wir sind und der noch mehr Freunde hat, die Benni (bzw. Ben-G) heißen, um die Verwirrung zu vervollständigen) seine Großmutter als ‘Racer’ vorstellt. Wir so: wie jetzt, Racer? Benni: na wegen ihrem Rollator! Wir dann: oh, ihr habt einen ganz schön unverkrampften Umgang mit den Gebrechen anderer Menschen! Er und seine Schwester dann: wieso Gebrechen? Ihr solltet mal sehen, wie die abgeht! Stimmts, Racer?

Morgen erst um 8 los, Gottseidank.

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